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GESCHICHTE: EINFLUSS
AUF DIE SCHRIFTBILDUNG
❦ ИСТОРИЯ: ФОРМИРОВАНИЕ ТРАДИЦИЙ

AS SCHRIFTBILD DER MODERNEN RUSSISCHEN SCHRIFT erklärt sich durch die Entstehungsgeschichte und seine spätere Entwicklung. Die Geschichte der Schrift ist genauso dramatisch wie die Geschichte Russlands.

Kyrillisch entstand als Alphabet für slawische Sprachen, als das Christentum Osteuropa erreichte. Ende des 9. Jahrhunderts kamen zwei orthodoxe Mönche – die Brüder Cyrillos und Methodos – aus Griechenland nach Bulgarien, um dort ansässige Völker zu bekehren. Sie überreichten den frisch Konvertierten eigene Schrift-entwürfe, die zur Grundlage für Altslawisch wurden.

Das Evangelium
auf Altkyrillisch
aus dem 14. Jahrhundert.
Die meisten Buchstaben wurden aus dem griechischen
Alphabet (in seiner byzantinischen
Schriftform) abgeleitet.

Betrachtet man die Schrift in Westeuropa, stellt man fest: Gerade zu dieser Zeit erreichte mittelalterliche Schriftkunst mit der Textur ihren Höhepunkt. Man schrieb gedrängter, die Buchstabenbögen wurden gebrochen. Sie kamen dem gotischen Stil mit seinen Spitzbogen sehr entgegen. Der griechische Mönch Kyrill entwarf seine slawische Schrift nach dem Geschmack seiner Zeit.

Die auf Latein geschriebene Textur aus dem 15. Jahrhundert. Die Schrift erinnert an ein Gewebe und bildete die Grundlage für die spätere Druckschrift von Johannes Gutenberg.

Die Slawen stießen zu den restlichen Schriftnationen erst in der Gotik. Ihre neue Schrift war geprägt durch frühgotische Buchhandschrift. In ihrer frisch entstandenen Schriftkultur kannten sie keine Römischen Capitalis und keine Karolingischen Minuskel. Demzufolge konnten sie später keine vergessenen Schriftformen »wiederentdecken« und keine »natürlichen« Antiqua-Schriften entwickeln.

 

Russischer Gutenberg

Der Buchdruck erreichte Russland erst Mitte des 16. Jahrhunderts, mit einhundert Jahren Verspätung. Zar Ivan der Schreckliche befahl, die erste russische Druckwerkstatt im Moskauer Kreml einzurichten. Die Schwarze Kunst hatte in Russland mit freiem Unternehmertum – wie einst in Mainz – nichts zu tun.

»Der Moskauer Apostel«.
Das erste russische Buch wurde vom Drucker Ivan Fjedorow 1564 gedruckt. Die Druckschrift beruht auf den Grundlagen der kyrillischen Halbunziale aus dem 15. Jahrhundert.

Die ersten Bücher fanden keine dankbare Fangemeinde. Ivan Fjodorow, der russische Gutenberg, wurde der Ketzerei bezichtigt und musste um sein Leben fürchten. Er flog nach Westen, in das benachbarte Fürstentum Polen.

Drei Jahrhunderte blieb die russische Schrift unverändert. Die Bücher sahen exotisch und altmodisch aus. Zum Teil wurde der Druck von europäischen Druckereien, hauptsächlich aus den Niederlanden, übernommen.

 

Mein Wille geschehe, oder Antiqua von oben

1703 beschloss Zar Peter der Erste, die russische Schrift zu reformieren. Mit seinen Plänen verfolgte er mehrere Ziele: Er wollte die russische Kultur stärker an die europäische binden und die russische Schrift der Lateinischen angleichen. Es sollten Bücher zu modernen Wissenschaften wie Militär- und Ingenieurwesen, Schiffs- und Bergbau gedruckt werden.

Persönliches Korrekturblatt von Peter dem Ersten aus dem Jahr 1703. Der Zar wählte aus den ihm vorgelegten Mustern selbst aus. Seine geschmackliche Präferenzen sind deutlich sichtbar.

Als Zar Peter der Erste, der große Reformer Russlands, den Wunsch verspürte, sein Land Europa näher zu bringen, fiel auch die Schrift in seinen Blickwinkel. Ohne große Berührungsängste griff er selbst zur Feder. Grundsätzlich war Zar Peter der Meinung, er könne alles am besten selbst. Und so kritzelte er zwischen Schiffsbau und Zähneziehen an Buchstabenskizzen herum.

Seine Korrekturen zeichnete ein technischer Zeichner in Festanstellung, Dipl.-Ing. Kuhlenbach, detailgetreu und pflichtbewusst nach. Die Entwürfe gingen nach Amsterdam. Dort ließ man passende Bleilettern anfertigen. Außerdem kaufte man gleich holländische Druckpressen mit ein und stellte Visa für ein paar holländische Drucker aus, die weitere Korrekturen vor Ort in Russland ausführen sollten. Seinen Landsmännern traute Peter offenbar nicht allzu viel zu.

Die Schrift hat viele Formübernahmen aus dem Lateinischen erfahren. Viele ursprünglich russischen Formen wurden durch holländischen Fachmänner falsch interpretiert. Fachkundige russische Untertanen nahmen dies stillschweigend hin. In der letzten Korrekturschleife – Es klappte mit den Kleinbuchstaben mal wieder nicht! – und ermüdet durch eintöniges Herumwerkeln griff der Zar bei Minuskel-Entwürfen schnell auf bereits feststehende Majuskel-Formen zurück. Zack, fertig! Und so kam es, dass Kleinbuchstaben wie die Miniatur von Großbuchstaben aussehen.

In der Zeit des Krieges mit den Schweden entstand die Bürgerliche Schrift, die erste Antiqua-Schrift für Kyrillisch. Der Name Bürgerlich klingt heute eher ironisch. Der despotische Zar hatte wenig Verständnis für Bürgerrechte und Menschenwürde. Gemeint war die säkulare Verwendung neuer Schrift als Gegenpol zum Kirchenslawischen.

 

Schrift für Proletarier

In den letzten drei Jahrhunderten musste die russische Schrift eine Reihe der »Korrekturen von oben« über sich ergehen lassen. Die »Grosse Schriftrevolution« fand 1918 statt. Der regierende Rat der Volkskommissare verabschiedete am 17. Oktober 1918 das Dekret über die Einführung einer neuen Orthographie. Es wurden vermeintlich überflüssige Buchstaben getilgt. Man reduzierte hauptsächlich die Buchstabenzahl von den ursprünglichen 43 auf die heutigen 33 und passte die Rechtschreibung entsprechend an.

Einer der ersten Dekrete
der Russischen Sowjetrepublik über die Einführung einer neuen Orthographie
vom 17. Oktober 1918.

Es war leicht, diese Schriftreform durchzusetzen. Die einfachen Bürger erfuhren über die Umwälzungen ihrer Schriftkultur von den Plakaten auf den Litfaßsäulen, die über Nacht auf allen Straßen der Großstädte angebracht worden waren. Es handelte sich dabei um das Dekret über die Einführung einer neuen Orthographie vom 17. Oktober 1918 unter Nr. 804.

Die Umsetzung des Beschlusses ging schnell und ohne Verzögerung voran: Alle Großdruckereien waren schon vorher von Bolschewiken enteignet, alle Lettern mit den abgeschafften Buchstaben entfernt worden. Lange fachliche Auseinandersetzungen über Schriftdetails gab es nicht: Keiner mochte diskutieren mit dem Revolver auf der Brust.

 

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